[ Petite fille ]

Sébastien Lifshitz | Frankreich 2020


Das Selbstverständnis, sich so zu fühlen, wie man möchte

Ein Kind zieht sich etwas Glitzerndes über. Sorgsam wird das Kleid angezogen und danach über die Haare gestrichen. Glatt lassen oder lieber ein Hütchen aufsetzen? Vielleicht eine Kette in das Haar flechten? Nein, doch lieber eine Spange.

Sasha fühlt sich schon lange wie… die Mutter zögert kurz, als sie versucht, es zu erklären. Nein, sie fühlt sich nicht, Sasha IST ein Mädchen. Schon mit vier Jahren sagte ihr Kind: Wenn ich groß ist, werde ich ein Mädchen! Und irgendwann hat die Familie verstanden, dass das keine Phase ist. Ihr Kind hasst seinen Schniedel. Hasst es, irgendwann kein Baby im Bauch haben zu dürfen. Als die Mutter sagt, dass ihr Kind nie ein Mädchen sein wird, fängt es an, bitterlich zu weinen, – und es fühlt sich an, als hätte sie gerade Sashas Leben ruiniert.


Filmbild aus Petite Fille ©Sébastien Lifshitz
Filmbild aus Petite Fille ©Sébastien Lifshitz

Sie fühlt sich schuldig, nicht nur deswegen. Ja, sie war damals enttäuscht, als sie erfuhr, dass das Baby in ihrem Bauch ein Junge werden wird: Hat sie mit diesem Gedanken das Schicksal beeinflusst? Warum hat ausgerechnet Sasha als Einziges von ihren Kindern einen Namen bekommen, welcher sowohl männlich als auch weiblich gelesen werden kann? Die Familie fährt zu einer Spezialistin. Auch wenn man nicht genau weiß, wie eine Geschlechtsstörung entsteht: Sicherlich nicht dadurch versichert man ihr. Das nimmt der Mutter ein wenig die Last der Schuld, denn auch in der Schule gibt man ihr zu verstehen, dass sie mit ihrer Erziehung Sasha so haben will. Ist es wirklich von ihr richtig zu erlauben, dass ihr Kind Mädchenkleidung trägt? Bei dem ersten Kleid hat die Familie lange gezögert, aber Sasha war so glücklich mit dem Minnie Maus Kleid! Viele Fragen haben sie, die auf dem Herzen brennen, wenn man sich mit einem Thema auseinandersetzen muss, das einem nicht vertraut ist. 

Sasha ist jetzt in der zweiten Klasse. Ständig gibt es Gespräche mit ihren Lehrern*innen. Sie sind streng zu ihrer Mama und zu ihr. Und bei ihren Klassenkameraden ist sie für die Jungen zu weiblich, die mögen sie nicht, und für die Mädchen ist sie für einen Jungen eben auch zu weiblich, die mögen sie auch nicht. „Reden die anderen denn mit dir wie mit einem Mädchen? Sagen sie ‚sie‘?“ Kleinigkeiten, die viel ausmachen: Wieder weint Sasha, schüttelt den Kopf und beißt sich auf die Lippen. Die Wichtigkeit der Pronomen. Sie bekommen eine Bescheinigung für die Schule, die belegt, dass weder Sasha noch ihre Mutter verrückt sind. Die Empfehlung der Ärztin: Sasha wie ein Mädchen zu behandeln. Aber besonders bei Leuten, die das nicht wollen, die transphob sind, kann man nicht viel ausrichten. Einige haben immer noch einen Knoten im Kopf, sagt der Vater zähneknirschend. So was Engstirniges. Dabei ist sie doch ungewollte im falschen Körper und einfach ein Kind. Das Beste aus einer Situation machen und das tun, was sich intuitiv richtig anfühlt – das sagt sich so leicht, ist aber nicht einfach, wenn viele andere Systeme daran verknüpft sind. Mit dem Vater ist sich die ganze Familie einig: Sasha ist einfach Sasha. Aber wie es soll es weitergehen, wenn es jetzt mit acht Jahren für ihr Kind schon so schwierig ist?


Filmbild aus Petite Fille ©Sébastien Lifshitz
Filmbild aus Petite Fille ©Sébastien Lifshitz

Fazit

Der sanfte und einfühlsame Film bewegt sich zu einer stetig melancholischen Melodie. Sensibel und verletzlich sind die Identitäten und erst recht, wenn sie in einer immer währenden Unsicherheit sind: im Zwischenbereich der Norm. Wie geht man damit um? Lässt man eine freie Entfaltung zu? Normalität ist das, was man daraus macht, aber innerhalb einer Gesellschaft, in der man sich sein ganzes Leben lang bewegen muss. Ein kleiner Teil zu dieser gesellschaftlichen Akzeptanz trägt der Film bei, indem er den noch nicht oft fokussierten Blick auf eine Achtjährige legt, die einfach nur als normales Mädchen leben möchte. So wird Sasha wie die Figur der Arielle in dem eingespielten Film-Ausschnitt zu einer Art Identifikationsfigur, in die sich andere transgender Kinder, aber auch die Erwachsenen einfühlen können sollten. Auch die Engstirnigen. 



Der Film entstand in Kooperation mit der Trans*Beratung Kassel, der AIDS-Hilfe Kassel sowie der IAG Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechterforoschung an der Universität Kassel und lief auf dem Kasseler Dokfilmfest Online 2020.


© Tina Waldeck 2020