[Street Line]

Lisa Engelbach & Justin Peach | Deutschland 2021


Für den Abschlussfilm ihres Studiums waren die beiden Filmemacher*innen 2009 schon einmal in Nepal und dokumentierten den Alltag von Straßenjungen in Kathmandu: »Kleine Wölfe« kann nach zahlreichen Festivals inzwischen vollständig auf YouTube angesehen werden. Bei den Dreharbeiten lernten sie hier den 11-jährigen Sono kennen und wieder in Deutschland fragten sie sich oft, was wohl aus dem kleinen Jungen geworden ist. So kommen sie zehn Jahre später mit der Kamera wieder zurück und entdecken: Das Kind von damals hat mittlerweile selbst eine dreijährige Tochter. Wird sich das Schicksal, auf der Straße aufzuwachsen, wiederholen?

Vergangenheit trifft Gegenwart

Der Film beginnt mit einem kurzen Rückblick auf Sono, wie ihn das Team kennengelernt hat: Zwischen Müll und Dreck lebt er mit anderen Kindern auf der Straße und bettelt. Die Mutter hat die Familie verlassen, der Vater ist ein Alkoholiker und die beiden Schwestern damit beschäftigt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. So versorgt sich der Junge zusammen mit seinen Freunden eben selbst. Schon damals im Spiel: ein exzessiver Gebrauch von Drogen. Und schon damals dokumentiert der Film ungeschönt und ungefiltert die Realität.

Und wie sieht die Realität heute aus? Kathmandu im Jahr 2019 ist scheinbar eine moderne Großstadt. Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Schnitt auf einen jungen Mann, der sich im Bett auf die andere Seite dreht. Er gähnt: Zeit zum Aufstehen. Im Kreis marschieren sie durch einen Hof mit einem „Trust the Environment“ Schild im Hintergrund. Während sein Bruder noch an der Nadel hängt, –was in einigen Szenen auch explizit gezeigt wird–, betet Sonu im Entzug zu der Inkarnation der Güte.

Mit den Drogen war ihm alles egal, auch seine Familie. Er war wütend, aggressiv. Auch die Mutter seiner Tochter hat ihn deswegen verlassen. Aber die Geschichte soll sich nicht noch einmal wiederholen, verspricht er. Seine Tochter soll nicht so aufwachsen wie er. Sona, hier spricht Papa, telefoniert er mit ihr und lacht etwas unsicher. Szenenwechsel auf das kleine Mädchen, das im Bett liegt, weint und quengelt. Langsam und einfühlsam tastet sich der Kameramann an sie heran: Sona wächst bei den Kindern der Schwestern auf, die sich ihrer angenommen haben. Aber leicht ist das nicht, wie diese in den Hinterhofslums während der Interviews bekümmert erzählen. Viele hungrige Münder, viele Sorgen.


Filmbild aus Street Line ©Lisa Engelbach & Justin Peach | Deutschland 2021
Filmbild aus Street Line ©Lisa Engelbach & Justin Peach | Deutschland 2021

Fazit

Die Ambiente-Aufnahmen von Kathmandu lassen einen Rahmen entstehen, welcher auch das Drumherum nicht außer Acht lässt: So trifft man im Film ebenfalls auf Touristen, die fröhlich und gut gelaunt im Urlaub die bunte Atmosphäre genießen – und damit im Kontrast den Blick auf die Sorgen der Hauptfiguren noch existenzialistischer wirken lassen. Dabei liegt der Fokus ganz klar bei den intimen Aufnahmen der Familie und wie sich die Existenzen hier aufeinander prägen: Wie versucht wird, Probleme in den Griff zu bekommen und dabei neue Probleme entstehen. Nicht nur bei Sonu und Sona, sondern auch bei Sonus Bruder, welcher noch immer tief im Drogensumpf steckt. Besonders hier, im dämmrigen Licht am Straßenrand, entstehen intime und abgründige Aufnahmen, die, wie schon im Vorgängerfilm, trotzdem die Menschlichkeit nicht verlieren. Ein Schritt nach dem anderen begleitet das Team wieder unaufgeregt, nah an der Wirklichkeit und ungeschönt den Augenblick – und gibt den Menschen vor Ort einen aufmerksamen Blick und einen humanitären Wert: Wo sie ansonsten verscheucht, getreten und am Rande der Straße vergessen werden.



»Street Line« feierte beim Lichter Filmfest Frankfurt International 2021 Weltpremiere und konnte hier den Wettbewerb um den besten regionalen Langfilm in Höhe von 3.000 Euro für sich gewinnen. Der Gewinn soll nun zu 100 % in das soziale Projekt »Die kleinen Wölfe e. V.« gehen, mit dem die beiden Filmemacher*innen Sona und den Kindern in Kathmandu eine Schulausbildung und gute Versorgung gewährleisten wollen.


© Tina Waldeck 2021