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[A Jewish Problem]

Ron Rothschild | Deutschland 2025


Der Titel ist zugleich Segen und Fluch, genauso, wie es der traditionsreiche Name der Familie Rothschild ist. Vorurteile, Schubladen-Denken und sich entladene Emotionen, die sich in der Dokumentation sammeln und überaus menschlich fokussieren.

Irgendwo in der Welt sein

Dabei konzentriert sich der Filmemacher auf drei unterschiedliche Stationen, die alle miteinander verwoben sind. Einmal die Geschichte seiner Großmutter, die mit sieben Jahren von Deutschland nach Israel fliehen musste. Dann auf den darauf folgenden Armeeerfahrungen von ihr, dem Großvater und den drei Söhnen sowie Jahre später auch des Enkels in Gaza. Und schließlich endet es mit dessen Rückkehr, seiner persönlichen Flucht, wieder in Deutschland, und endet somit doch nicht: in einem Kreislauf, der sich nie zufriedenstellend schließen lässt.


Filmbild aus A Jewish Problem © Ron Rothschild | Deutschland 2025
Filmbild aus A Jewish Problem © Ron Rothschild | Deutschland 2025

So stellt er seine Großmutter direkt vor der Kamera zur Rede: Sie sagt selbst von sich, dass sie Zionistin ist. Warum? Sie zögert mit einer Erklärung. In der israelischen Schule war sie als Kind die Außenseiterin, da sie erst Hebräisch lernen musste. Sie las gerne deutsche Bücher: Goethe, Fontane und Schiller waren auch emotionale Fluchtmöglichkeiten. Mit 19 heiratete sie Gerd: Auch er war aus Deutschland geflohen und hatte sich später der britischen Armee angeschlossen. Sie trafen sich in Israel und das Ehepaar war bis 1949 in und für die israelische Armee tätig. Die Nakba – jährlich am 15. Mai begangen, einem Tag nachdem die Unabhängigkeit von Israel ausgerufen worden war – erinnert an den ersten arabisch-israelischen Krieg zwischen 1947 und 1949, wo tausende starben, fliehen mussten oder vertrieben wurden. Während der Staat Israel als Safe Space nach dem Holocaust fungierte. Des einen Leid, des anderen Freud? Sie wurden im alltäglichen Leben danach mit den drei Söhnen zu einer dysfunktionalen Familie: Sie wirkte kalt und distanziert, während er die Kinder mit dem Gürtel verprügelte. Wie viel von den Gewalt- und Kontrollmechanismen waren den Kriegserfahrungen geschuldet?

Irgendwo zwischen den Welten sein

Alle drei Söhne kämpften mit psychischen Erkrankungen und/oder Suchtproblemen. Sein Vater gab Ron den Rat, den vorgeschriebenen Wehrdienst in Israel einfach zu machen: Augen zu und durch. So wanderte 2009 dessen Kamera durch die besetzten Gebieten von Gaza, um durch die abgesicherte Scheiben nach den Menschen, die als Feind definiert wurden, zu suchen. Und doch waren und blieben es Menschen. Es war der Impuls für ihn, Israel zu verlassen. Heute filmt er in Berlin die Graffitis an der Wand: die Deutschlandflagge und der blaue Judenstern, die Überlagerung zweier Symbole als Einheit. Unten rechts „free gaza“ als Störer. Unten links die Werbung für eine Motto-Party, als Verdrängung von allem. Alles in Humor und Dramatik vereint. Heute, da unterhält er sich mit Freund*innen, die Personen aus ihrer Familie am 07. Oktober verloren haben, über die israelische Gewalt. Im Bus in Neu-Köln sitzt er neben palästinensischen Personen und macht sich Gedanken, ob er hebräisch mit seinem Sohn sprechen sollte. Während die deutsche Nachbarschaft ihm erklärt, wie widerwärtig Antisemitismus doch ist und es ihn ärgert, wie sie versuchen, sich darüber mit ihm – und gegen andere Menschen – zu verbünden. 


FAZIT

Es ist das Empfinden einer jüdischen Person mit dem Aussprechen von kritischen Verhaltensweisen, bei denen oft nicht nur die Ohren jener Menschen taub werden, die lieber andere Dinge hören würden. In der Aufteilung zwischen den vergangenen Gesprächen mit der Großmutter und ihrer Familiengeschichte, die er mit seinen eigenen Erlebnissen aus der Armee verbindet, stehen nun die zeitgemäßen Proteste in Berlin mit der Suche nach seiner eigenen Positionierung dagegen: Für eine Weltanschauung, welche sich nur durch eine eigenständige Reflexion über die menschlichen Zustände ergeben kann. Es ist ein Versuch, humane Kälte und emotionaler Leere zu umgehen, welche (nicht nur hier) in der Familiengeschichte tief verwurzelt liegt. Es sind Beziehungsgeflechte, die oft nicht offen und klar ersichtlich sind, aber deren emotionale Auswirkungen sich weiter tragen. Die Fotoalben der Großmutter werden verstaut, zusammen mit dem gelben Judenstern und einem deutschen Gedichtband – ein Kapitel endet, das nächste beginnt.


«A Jewish Problem» lief in der Selektion Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm auf dem DOK Leipzig 2025 und war dort für den DEFA Förderpreis sowie den VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness nominiert.


© Tina Waldeck 2025