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[Coexistence, My Ass!]
Amber Fares | USA, Frankreich 2025
Darf gelacht werden in diesen Zeiten? Oder sollte es doch sogar, in diesen düstersten Epochen, einer menschlichen Würde zum Trotz? Denn gerade darauf ist doch besonders der jüdische Galgenhumor spezialisiert: Auf den Witz, welcher sich immer wieder auch unter Tränen neu aufzurichten vermag.
Was ist radikal und was ist menschlich?
Die Mutter von Noam Shuster Eliassi ist iranisch-jüdisch, ihr Vater rumänisch-jüdisch. Und beide sind das, was viele Israelis (nicht nur jene, aber auch diese) am meisten hassen: woke und progressive Linke. Die beiden hatten so ganz wilde Gedanken, wie, dass alle Menschen dieselben Menschenrechte haben sollten. So zogen sie nach Wahrt Al-Salam/Neve Shalom: die Oase des Friedens. Das Dorf wurde 1972 gegründet, um die Koexistenz im gemeinsamen Dialog zu erproben: hier sollten jüdische und arabische Familien harmonisch zusammen leben.

So lernt Noam beide Sprachen fließend. Den Tag der israelischen Unabhängigkeit will die Familie nicht mehr feiern, denn parallel ist der Trauertag über die Nakba – und sie müssen doch gute Nachbarn sein. Was für die Kinder Normalität wird, wirkt für den Rest der Welt wie ein Experiment aus einem Science-Fiction-Film. Mit acht Jahren überreicht sie Blumen an Hillary Clinton, nur eine von vielen, die das Dorf besuchen und loben werden – und auch damit wachsen die Kinder auf. Mit Anfang 20 bekommt die junge Frau ein Stipendium für ein Friedensstudium in den USA – zu einer Zeit, wo in der Ukraine ein jüdischer Schauspieler eine Sitcom schreibt, wie er Präsident wird. Und er wird Präsident! So beschließt Noam, wenn sie ihre politische Karriere ernst nehmen will, muss sie es auch von der humorvollen Seite angehen: In Harvard schreibt sie die friedensaufbauende Comedyshow "Coexistence, My Ass!", um ihre persönlichen Erfahrungen auf Augenhöhe zu erzählen. Energisch klettert sie seitdem auf die Bühnen und beruhigt ihr Publikum: Keine Sorge – sie bleibt dort nur für 70 Minuten, nicht über 70 Jahre!
FAZIT
Ohne Unterlass kommen Pointen und Wendungen, verknüpft mit den vielfältigen Stationen ihres Lebens und Fragen einer menschlichen Zugehörigkeit. Als Corona beginnt, geht sie von Harvard zurück nach Israel und engagiert sich im Aktivismus, begleitet die Proteste in West Jerusalem, bei denen jede Samstagnacht gegen Netanyahu demonstriert wird. Sie protestiert gegen die Attacken in Gaza, schon lange vor dem 7. Oktober 2023. Humor ist dabei ein Katalysator, um der kollektiven Angst, dem Schmerz und der Frustration ein anderes Ventil zu ermöglichen, als Gewalt, Hass und Wut. Lachen kann zu einer Kommunikationsebene werden, wenn es denn zugelassen wird. So versucht Noam kraftvoll mit ihrer modernen Friedensarbeit dafür einzutreten, das die Bedeutung einer Koexistenz nicht auf Basis von Unterdrückenden und Unterdrückten stattfinden kann: Koexistenz wächst nur zwischen Menschen auf Augenhöhe. Und das wäre eigentlich sch(m)erzhaft einfach.
«Coexistence, My Ass!» feierte seine Weltpremiere auf dem Sundance Filmfestival im Wettbewerb World Cinema Documentary und konnte dort den Special Jury Award (Freedom of Expression) gewinnen. Als Deutsche Premiere lief der Film im Publikumswettbewerb auf dem DOK Leipzig 2025.
© Tina Waldeck 2025