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[The Red Moon Eclipse]

Caroline Guimbal | Belgien 2025


Fordernd und doch besorgt spricht die Filmemacherin ihre Mutter an, damit diese sich in Richtung der Kamera dreht. Lachfältchen im Gesicht werden deutlich, ein gütiges Gesicht. Ihre Tochter mag es, wenn sie so lächelt und hält es mit der Kamera fest, durch alle Zeit hindurch, damit das Loslassen nicht so schwerfällt.

Die Zärtlichkeit für das Leben bewahren, trotz Abnutzungen durch die Zeit

Mutter und Tochter teilen die Poesie der Erinnerungen: Da sind die Gläser mit dem Sand, den die Mutter selbst aus dem Chaiber-Pass gesammelt hat, dem Weg, welcher Pakistan und Afghanistan miteinander verbindet. Ein anderes Glas hat sie von ihren eigenen Großeltern bekommen, aus der algerischen Wüste. Traditionen, die übergeben und weiter getragen werden. Caroline schaut sich in einer gebrochenen Spiegelung an und die Ähnlichkeit zwischen den beiden wird deutlich. An Weihnachten hat sie erfahren, dass ihre Mutter Krebs hat – und sie selbst schwanger ist. Schnitt auf das Ultraschallbild, neben dem Glas mit Sand, der zwischen den Händen zu zerrinnen scheint.


Filmbild aus The Red Moon Eclipse © Caroline Guimbal | Belgien 2025
Filmbild aus The Red Moon Eclipse © Caroline Guimbal | Belgien 2025

Mit dem Ausblick auf Tod und Leben in der Zukunft sortiert Caroline die Vergangenheit: Mit 16 Jahren zog die Mutter von zu Hause aus und traf mit 20 Jahren den Mann, mit dem sie 2 Kinder bekommen sollte: Olivier und sie. Ein Haus wurde gebaut, doch darin fand die Mutter neben den Projekten ihres Mannes immer weniger Raum. Also folgte die Scheidung als die Kinder acht und sieben waren und zwei Jahre später zogen sie zu dritt zu einem neuen Mann. Doch auch hier gab es keine Erfüllung, denn dieser war äußerst gewalttätig – und die Tochter hatte Angst vor der Fragilität der Mutter, deren Haut in manchen Aufnahmen so zerbrechlich wirkt wie Porzellan. Als die Kinder erwachsen werden, versucht sie sich noch einmal eigenständige Projekte zu suchen: Geht nach Ägypten, Afghanistan, Indien und Palästina. Und landet in einer Beziehung mit Salvatore, dem Herausgeber eines Magazins, bei dem sie eigentlich nur ihre Fotografien veröffentlichen wollte.



FAZIT

Die Sehnsucht nach Freiheit, nach Selbstverwirklichung und Verständnis: Die Mutter strahlt in vielen Szenen eine würdevolle Liebe und Wertschätzung gegenüber den Entdeckungen des Lebens und der Natur aus. Die Bilder des Schmerzes überwiegen dadurch nicht, auch wenn jene bei Erscheinen trotzdem weh tun, im Mitschwingen von patriarchalischen Ungerechtigkeiten und den vielen emotionalen Narben. Manchmal war es im Leben nicht die richtige Zeit für glückliche Momente, und doch waren es Erlebnisse, die verarbeitet werden müssen. So findet Caroline in den Unterlagen ihrer Mutter neben Landkarten und Fotografien auch zwei Filme: THÉRÈSE von Claude Miller über eine Frau, die nie eine gesellschaftlich aufgedrängte Rolle erfüllen wollte und UNE FEMME SOUS INFLUENCE von John Cassavetes, ebenfalls ein Ausbruchsversuch aus erdrückenden Frauenbildern. Mit solchen Fragmenten arrangiert die Filmemacherin einen kritisch-liebevollen Abschied für ihre Mutter und ergänzt ihn, in jenen vertrauten Landschaften, die, mit den Stimmungen im Rhythmus natürlicher Ereignisse, auch jenseits unserer Zeit weiterbestehen werden.


«The Red Moon Eclipse» lief als Weltpremiere in der Selektion Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm auf dem DOK Leipzig 2025 und gewann dort den FIPRESCI Award – den Preis der Internationalen Filmkritik.


© Tina Waldeck 2025